Storys
Der Hund Achilles weiss besser wie!
Campingnachbarn mit klugem Hund luden meinen Papa und mich spontan zu einem Grillabend ein. Papa warnte bereits das nette Ehepaar, dass ich Tiere nicht wahrnehmen könne und sie nicht enttäuscht sein sollten, wenn ich ihren Hund links liegen lassen würde. Sie legten vor dem Tisch eine Decke hin, auf der ich spielen sollte, während die Erwachsenen den Grill im Nu leerten. Der Hund wollte auch bei uns sein und legte sich ebenfalls auf die Decke. Langsam suchte Achilles meine Nähe und ich stiess ihn immer wieder mehr oder weniger sanft weg, erst etwas genervt und dann plötzlich etwas belustigt. Doch der Hund gab nicht auf und kuschelte sich immer wieder seitwärts mit dem Bauch an mich, so dass ich sein warmes Fell spüren konnte. Was dann geschah, rührte uns alle zu Tränen: Plötzlich umarmte ich den netten Hund und ich gab ihm einen Kuss. Papa zückte sogleich das Handy und so entstand das berührende Bild. Bis jetzt habe ich es nie geschafft, ein Tier zu beachten. Nun hat Hund Achilles dies in wenigen Minuten hingekriegt - Hunde wissen eben, wie es geht!
Der Hase fliegt in hohem Bogen!
Auf dem Campingplatz bewundern viele Leute meine Nahina-Fotos auf unserem Wohnmobil und nehmen sehr schnell und interessiert an meinem Leben teil. Einmal schenkte mir ein Paar aus Frankreich einen Plüschhasen, den sie extra für mich einkaufen gingen. Nur, als Autistin konnte ich so rein gar nichts mit einem Stück gefüllten Stoff anfangen und so schmiss ich den Hasen in hohem Bogen fort, zum grossen Entsetzten des netten Paars. Papa schämte sich und versuchte dem Paar zu erklären, warum ich mich so verhielt. Interessant ist aber, dass ich nach einer gewissen Angewöhnungszeit durchaus Gefallen an einem Plüschtier finden kann. Papa legte mir den Hasen beim Gutenachtritual immer zuletzt noch in den Arm, natürlich mit lustigen Geräuschen, die mich vom Hasen ablenkten. Heute hole ich mir den Hasen jeden Ferienabend ins WoMo-Bett. Schade, dass dies das französische Paar nicht mehr sehen kann!
Nur der Teufelsgeigerbua!
Der Musik Memorystick in Papas Auto hat die Eigenart, dass beim neu starten des Motors immer wieder das erste Stück wiedergegeben wird, das war „Der Teufelsgeigerbua“ der Ursprung Buam. Als Autistin verband ich in Papas Auto losfahren sofort mit diesem Musiktitel. Wehe, wenn Papa einmal ein anderes Stück abspielte, ging das Geschrei los bis wieder der Teufelsgeigerbua ertönte. Bei Mamas Auto war das aber überhaupt nicht so…
Ja, so ticken eben mal Autisten – doch Papa trickste mich und meinen Autismus aus. So spielte er ab dem Tag x immer ein anderes Stück beim Losfahren und beschloss, Nerven aus Stahl zu haben und das Geschrei zu ertragen – das Geschrei konnte denn auch bis zu 15 Minuten dauern. Mit der Zeit konnte Papa irgendeinen Titel abspielen, ohne dass ich schrie. So haben meine Eltern gelernt, dass sie Abläufe ganz bewusst immer etwas anders gestalten, dass ich flexibel bleibe.
Leitern klettern ist einfacher als zu Fuss gehen
Im Wohnmobil durften meine Eltern oben im Alkoven schlafen und ich hatte mein Zimmer ganz unten im Heck. Manchmal durfte ich meine Eltern im Alkoven besuchen und es faszinierte mich, von dort oben den Überblick ins ganze WoMo zu geniessen. So war ich extrem motiviert, selbst in den Alkoven klettern zu lernen, aber damals konnte ich noch nicht zu Fuss gehen, geschweige denn klettern. Aber Papa zeigte mir Schritt für Schritt, wie das Leitern klettern geht. Für mich war es genau die richtige Mischung zwischen Herausforderung und Angst, wie ihr unschwer im Video erkennen könnt. Papa meinte, wenn ich ein Ziel hätte, dann sei bei mir vieles möglich. Wahrscheinlich ist Leitern klettern einfacher als gehen für mich, weil ich dazu weniger Gleichgewicht benötige. Fortan bauten meine Eltern überall Leitern, damit ich selbständig ins Prinzessinnenbett oder auf den Wickeltisch klettern konnte.
Nahina im Kreise der Rocker
Papa und ich kamen auf einem kleinen Campingplatz im Schwarzwald an, auf dem auch Randständige fest wohnen. Eine Gruppe von etwa 10 lautstarken, beschwipsten Rockern, wie Papa die Menschen nannte, hockte um ein grosses Lagerfeuer, in der einen Hand eine Zigarette und in der anderen eine Büchse Bier.
Als Papa das Stromkabel legte, nutzte ich die Gelegenheit und schwups sass ich auf dem Schoss eines älteren Herrn, mit langen Haaren, weissem Bart und mit Kleidung, die noch nie eine Waschmaschine gesehen hat. Papa traf fast der Schlag und er wollte mich sofort in Sicherheit bringen, aber ich gab ihm zu verstehen, dass ich den grimmigen Rocker (Papas Formulierung) schon zum Schmelzen bringen würde.
So war es dann auch: Der wirklich nette Herr (Formulierung von mir) hatte bald Tränen in den Augen und schwärmte tief berührt: „Schaut her, die Kleine mag mich einfach ohne Wenn und Aber. Und sie will bei mir sein und nicht zum Papa.
Jetzt musste ich 55 Jahre alt werden, um so etwas zu erleben!“ So klopfte der charmante Herr abends an die WoMo-Türe und brachte mir ein gegrilltes Würstchen vorbei. So viel zum Thema vorurteilslos auf Menschen zugehen – und dies geht auch ohne Worte!